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Der wunderbare Hund

oder

Der durch List und Bosheit eines bösen Weibes
in einen Hund verwandelte Amts-Schösser,
welcher mit seinen Aventüren
den Lauf der Welt vorstellt.


Aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt
von Cosmo Pierio Bohemo anno 1733.

Anrede an den günstigen Leser!

Nachdem mir dieses sehr artige und kuriose Traktätlein in die Hände kam, und ich mich darin umschaute, so fand ich eine solche Gemüts-Ergötzung, daß dadurch bewegt wurde, des Lesens nicht aufzuhören, bis ich das Ende erreichte; worauf ich es denn etlichen guten Freunden kommunizierte, welche mir danach so kontinuierlich in den Ohren lagen, bis ich endlich bewogen wurde, solches in die reine und hoch-deutsche Sprache zu bringen und in den Druck zu befördern:

Dieses Traktätlein betitelt sich Der wunderbare Hund, kann auch in Wahrheit so genannt werden; denn die seltsamen Begebenheiten, welche sich mit diesem verwandelten Hund zugetragen haben, sind wohl würdig, gelesen und angehört zu werden.

Wie sich aber diese menschliche Verwandlung in einen Hund begeben hat, soll der hochgeneigte Leser alsbald zu vernehmen haben, und zwar aus dem Mund dieses verwandelten Menschen selbst, welcher (nachdem er nach langer Zeit seine menschliche Gestalt wiederum empfangen hat), die ganze Begebenheit dieses Traktätleins beschrieben und zu Papier gebracht hat:

»Ich«, bekennt er, »bin ein Bauern-Sohn aus der Wallachei, und nachdem mich mein Vater in der Jugend fleißig zur Schule angehalten hat, habe ich auch mit der Zeit im Schreiben, Rechnen und etwas Latein ziemlich zugenommen; worauf ich denn in Polen zu einem Edelmann gekommen bin und als ein Kammer-Diener angenommen wurde.

Als ich nun lange ihm guten Dienst erwiesen hatte, hat er mich endlich gar in Masuren zu einem Dorf-Schösser verordnet und eingesetzt.

Als ich nun einmal von meinem Junker oder Edelmann Befehl erhielt, bei Vermeidung unabläßlicher Strafe die Kontribution oder Steuer einzubringen, sollte ich im Fall, daß jemand seine Schuldigkeit abzuführen sich weigern würde, denselben pfänden und das Vieh oder andere Mobilien mit Gewalt wegnehmen.

Da ich nun solchem Befehl nachlebte, und damit ich meinem Amt gebührende Genüge täte, forderte ich unter anderem auch von einer alten Witwe ihre schuldige Kontribution.

Diese war zwar nicht arm, sondern sie war von derselben Gattung, die das Schwert im Maul führen und die Obrigkeit gerne mit Worten bezahlen möchte.

Weil ich aber meinen Junker mit Worten nicht befriedigen konnte, sondern das Geld dazu vonnöten hatte, also befahl ich dem Pfänder, er solle der Frau beste Kuh aus dem Stall nehmen und sie nach Hause führen.

Als dieses geschehen war, lief mir das Weib bis in das Haus nach, machte mich ärger aus als einen Spitzbuben oder Beutelschneider und stieß alle bösen Flüche und Injurien über mich aus, ja so sehr, als es auch immer einem bösen Weibe in den Sinn kommen konnte, daß ich endlich gezwungen wurde, die böse Vettel mit einer Bastonade aus dem Hause zu treiben.

Im Weggehen rief sie noch zurück: ›Du sollst mir dieses nicht umsonst getan haben, du Bösewicht du.‹

Es verging aber keine Stunde, da kam das böse Weib wieder und brachte ihre Kontribution; worauf ich meinem Knecht befahl, er solle die Kuh aus dem Stall holen und ihr wieder verabfolgen lassen.

Als aber der Knecht kaum zur Tür hinaus war, da ich das Geld besehen wollte und mich etwas bückte, schlich die Hexe hinter mir her und bestrich mir den Nacken mit einer Salbe und sprach: ›Nu, gefällt Euch also das Geld?‹

Kaum hatte sie ausgeredet, da ward ich von Stund an zu einem großen schwarzen zottigen Pudel-Hund, und als ich nun vor Schrecken erstarrte und mich nicht gleich in die jähe Verwandlung schicken konnte, lief indessen die alte Hexe zur Tür hinaus und schlug dieselbe hinter sich zu.«

 Diese kuriose Begebenheit habe ich nun dem günstigen Leser zu einer Vorrede mit ansetzen wollen.

Alsdann wird die eigentliche Beschreibung von dieses Hundes Aufführung, Diensten und Begebenheiten folgen, welche in unterschiedliche Klassen ordentlich eingeteilt sind.

Der geneigte Leser lasse sich dieses Büchlein bestens rekommandiert sein, er wird unterdessen darin sein bestes und vollkommenes Vergnügen finden.

Mich aber wolle derselbe in seiner Gunst jederzeit sein lassen.

Des geneigten Lesers

ergebenster

N. N.


 

Die 1. Klasse

Handelt von dieses verwandelten Hunds übler Abfertigung, sowohl von seiner Liebsten als seines Knechtes.

Ich kann nicht wissen, wie mir dazumal eigentlich war, weil mich der Schrecken und die Verwunderung ganz außer mich selbst gebracht hatten.

Als ich mich endlich erholte, wurde ich gewahr, daß mir in der Verwandlung auch meine Kleider vom Leib gefallen waren, welche alsogleich auf der Stelle beisammen lagen, wo ich damals gestanden hatte, als mich die Hexe gesalbt hatte.

Ich sah mich zwar selber um und um, so viel ich konnte, erschrak aber über den Anblick meiner Glieder, an welchen nicht das geringste Menschliche mehr zu spüren noch zu sehen war.

Ob aber auch das Angesicht ganz und gar einem Hunde ähnlich war, dieses konnte ich so eigentlich nicht wissen; deshalb begab ich mich zu dem großen Spiegel, welcher an der Wand hing, und bemühte mich, in demselben zu bespiegeln, ob ich noch mein voriges Angesicht haben möchte.

Ich versuchte mich auf die hinteren Beine zu stellen, konnte aber damals noch nicht allein auf denselben stehen; aber die Neubegierigkeit trieb mich so weit, daß ich mich unterstand, auf die Bank zu springen; weil ich aber der Hunde Sprünge noch nicht gewohnt war, so fiel ich fein sauber auf meinen Hunds-Rücken wieder herab.

Deshalb aber ließ ich nicht nach, sondern bemühte mich so lang, bis ich auf die Bank kam.

Auf derselben stellte ich mich vor den Spiegel und betrachtete nicht ohne großen Schrecken mein Angesicht, welches sowohl als andere Glieder vollkommen hündisch aussah.

 

In dieser wunderseltsamen und lächerlichen Positur traf mich mein Knecht, der indessen von der Verrichtung und Wiedergebung der Kuh zurückkam, an.

Als ich ihn nun sah, wollte ich ihm mein Unglück klagen und zugleich bitten, daß er die Hexe wolle einziehen lassen; indessen vernahmen meine Ohren ein abscheuliches Hunde-Geheul, welches mich so sehr erschreckte, daß mir grün und gelb vor den Augen wurde.

Ich konnte aber nicht wissen, ob mein Knecht sich eingebildet hatte, ich würde ihn beißen, oder ob er sonst einen fremden Hund (für welchen er mich hielt) in der Stube nicht leiden wollte; denn er besann sich nicht lange, sondern erwischte einen Prügel, und prügelte mich anstatt des Trostes, den er mir (sofern er meine Begebenheit gewußt hätte) zusprechen hätte sollen, tapfer zur Tür hinaus; da fühlte ich mit größten Schmerzen die erste Frucht meiner Verwandlung, welche mir sehr schwer zu verdauen fiel.

 

Als ich aber über den Hof hinunterkam, begegnete mir meine Liebste zu Pferd, welche eben von einem Städtlein, darin sie in gewissen Verrichtungen gewesen war, wieder nach Hause kam; dieser wollte ich zum wenigsten mein Unglück mit Gebärden zu verstehen geben; sprang deswegen getrost an dem Pferde hinauf, ihr die Hände zu küssen.

Sie verstand aber meine hündische Freundlichkeit und mein Verlangen nicht, sondern ergrimmte vielmehr über meine Vermessenheit, und versetzte mir mit der Karbatsche einen solchen derben Streich, daß mir die Haare vom Fell flogen.

Es war aber dieses noch nicht genug, sondern das Pferd bequemte sich nach dem Willen seiner Frau und gab mir einen solchen Schlag, daß ich da hinfiel und alle viere von mir streckte.

Da ich mich nun wieder etwas aufgerichtet hatte, kroch ich auf allen vieren in einen Winkel und sah mich um. Als ich aber sah und fühlte, daß ich von all den Meinigen verlassen und horribel traktiert wurde, so resolvierte ich mich, mein auferlegtes Kreuz geduldig zu tragen, machte mich mit größtem Herzeleid aus meinem Hause hinaus, um irgendwo einen Herrn zu finden, von welchem ich meine Nahrung und Aufenthalt haben möchte.

Wer sonst war der Herr im Haus,
Selben peitscht man jetzt hinaus;
Als ein Hund wird er traktiert,
Auch elendig fortmarschiert.


 

 

Die 2. Klasse

Enthält in sich des Hundes erste Wanderschaft.

Ich hatte tausenderlei Gedanken und Anschläge, ehe ich aus unserm Dorf nach einem andern laufen wollte.

Endlich fiel mir ein, ich sollte allerlei Hunde-Künste lernen und so üben, daß ich darin auch perfektioniert werden möchte; wodurch ich mich bei jedermann beliebt machen könnte.

Sobald mir dieses eingefallen war, sobald versuchte ich auf den hinteren Beinen zu gehen.

Obgleich es anfänglich nicht hat angehen wollen, so habe ich jedoch durch fleißige Übung solches dermaßen erlernt, daß ich nicht nur aufrecht gehen, sondern auch tanzen und andere Possen machen konnte.

Darauf lief ich nun aus unserm Dorf hinaus und kam spät auf den Abend in einem andern Dorf an, und weil ich in dem Wirts-Hause einzukehren einige Bedenken trug, so verkroch ich mich in einer Scheuer und schlief darin.

 

Des anderen Tages lief ich weiter und kam gegen Mittag wieder in ein anderes Dorf, allwo mich mein Magen des ihm billig gebührenden Tributs erinnerte. Ich wußte mir aber nicht zu helfen noch zu raten, wie ich denselben kontentieren möchte.

Ich hätte zwar den Bauern die Hühner erwürgen und auffressen können, zu diesem Traktament aber fehlte mir der Koch. Darum trieb mich der Hunger so weit, daß ich anfing, den Bauern die Küchen und Töpfe zu visitieren.

Als ich mich nun in das nächste Haus hineingeschlichen hatte, stellte ich mich in einen finsteren Winkel bei der Küchen-Tür, um zu hören, ob jemand in der Küche wäre.

Aus dem säuischen Schmatz merkte ich, daß Leute darin essen täten, da streckte ich meine Ohren aus, um zu vernehmen, was weiter passieren möchte; endlich vernahm ich diese Worte:

»Mutter, ich habe euch schon viele Male fragen wollen, und habe doch allezeit besorgt, ihr möchtet deswegen böse werden; doch kann ich's nicht länger anstehen lassen: Mein, sagt mir doch, warum eßt ihr immer so verstohlen und allein in der Küche?«

»Liebe Haduscha«, sagte die Mutter, »ich tue solches nicht ohne wichtige Ursachen: Denn erstlich, wenn ich mich in der Küche ziemlich gestopft habe, so esse ich hernach bei Tisch desto weniger, auf daß das Gesinde ein Exempel der Mäßigkeit habe und sich nicht befresse wie die Schweine; denn sie möchten krank davon werden: Wer würde uns hernach die Arbeit verrichten?

Zum anderen siehst und weißt du selber, wie karg und knauserig dein Vater ist; wenn er sehen sollte, daß ich eine so starke Mahlzeit täte, so würde er nur sitzen, von der Mäßigkeit predigen, und ich müßte täglich hören, daß ich ihn arm fresse; auch hörst du ja täglich von ihm, wie er dem Gesinde von dieser Tugend öfters predigt. Sollte er nun wissen, daß ich bisweilen so ein gutes Bißchen zu mir nehme, besorgte ich mich, er möchte eine viel schärfere Straf-Predigt halten als neulich der Herr Johannes, da ihm die Knechte den schönen Hasen vor dem Fenster weggestohlen hatten.

Zum dritten siehst du ja selber, wie genau der Junker auf uns achtgibt und wie wenig Gutes er uns gönnt. Der nichtsnutzige Bauernschinder hat ja erst kürzlich gesagt, delikate Speisen sind den Bauern gar ungesund. Weißt du denn nicht mehr, wie es unserm Schwager Hansen gegangen war, da er seine Kind-Taufe ausgerichtet und den Tisch mit sechs Essen besetzt hatte? Mußte er nicht deswegen sechs Taler Strafe geben? Und als er bat, der Junker möchte ihm doch etwas nachlassen, sagte der Junker: ›Kannst du deine Gevattern mit sechs Speisen traktieren, so kannst du mir auch sechs Taler geben. Ich als eure Obrigkeit könnte es nicht verantworten, wenn ich euch so in Wollust und in Fressen und Saufen leben ließe. Denn wenn der Mensch zuviel frißt und säuft, so wird er geil, und dann folgt Unzucht und Ehebruch darauf. Haltet euch dafür fein mäßig, ihr Bauern, und arbeitet fleißig, so könnt ihr auch der Obrigkeit zu rechter Zeit die Zinsen abführen.‹

Meine liebe Haduscha, wenn der Junker wüßte, daß ich so viele Hühner, Tauben, Kapaunen, Enten, Gänse, Eierkuchen, Kräpfel, Schnecken, Pfannkuchen und dergleichen Schnabel-Weide in meinen Magen schickte, ich müßte gewiß mehr Zins-Hühner geben. Ja, wenn wir den Zins und die Steuer nicht alsbald abführten, so sollte er wohl sprechen: ›Könnt ihr so stattlich leben und Hühner und Gänse fressen, so könnt ihr auch Zins und Steuer bezahlen.‹ Der Blaufuß denkt ohnedies, die Bauern können keine guten Bißlein vertragen. Ja, selbst Herr Johannes, wenn er's wüßte, würde mich bald aufbieten, da er doch nichts sagt und stummer als ein Hund ist, wenn die Edelleute miteinander Tag und Nacht fressen, saufen und speien.«   

»Ja, Mutter«, sagte Haduscha, »der Junker bittet auch Herrn Johannes (das ist der Pfarrer) immer zu Gaste, und wenn der Pfarrherr nur dabei ist, so sind sie nicht üppig, sondern nur fröhlich im Herrn; Sie saufen sich nicht voll, sondern trinken sich nur ein christliches Räuschlein an; sie buhlen nicht mit dem Frauen-Volk, sondern küssen einander in Ehren, das kann ja niemand wehren.«

 

Das war der Diskurs der beiden Weibs-Personen, welcher vielleicht länger gewährt hätte, wenn nicht der Bauer gerufen haben würde: «Casha, gibst du noch nicht zu essen?»  ­

Die Mutter spricht zu der Haduscha: «Geschwind, steck den Tiegel in den Ofen, denn der Vater ruft. »

«Wie ist's? » sagte der Bauer. «Wo steckst du denn? »

«Jetzt komm' ich gleich», antwortet die Bauern-Frau, « tust du doch, als wenn du wolf-hungrig wärst; hab ich doch auch noch keinen Bissen gegessen, und mich hungert gleichwohl noch nicht. »

Und hiermit trugen die Bäuerin und ihre Tochter das Essen auf, welches ein großer Topf Wasser-Suppe und eine Schüssel voll Hafer-Brei war.

 

Nachdem sie beide aus der Küche waren, schlich ich hinein, visitierte den Tiegel in dem Ofen, so ich kaum in der Geschwindigkeit finden konnte, weil sie ihn hinter die Ziegelsteine gesetzt hatten.

In demselben fand ich noch ein halbes Huhn.

Weil ich nun nicht Zeit hatte, solches in der Küche zu verzehren, so faßte ich es ins Maul und wollte damit durchgehen.

Als ich aber bei der Stuben-Tür vorbeilief, kam die Bäuerin gleich heraus und wurde meines Diebstahls gewahr.

Zu meinem Unglück hatte sie ein Stück Holz in der Hand, mit welchem sie mich so willkommen hieß, daß ich laut zu jauchzen anfing und zugleich meine Beute fallenzulassen gezwungen wurde.

Auf diesen Tumult kam der Bauer auch heraus und fragte, wo der Hund das Huhn hergenommen habe?

«Was kann ich wissen», sagte die Frau, « vielleicht hat er's aus des Junkers Küche gestohlen. »

«Ja, hat sich wohl», sagte der Bauer. «Das Huhn ist ja noch ganz brenn-heiß. Ich hab's lang gedacht, du Bestie, du fräßest heimlich: Wart, ich will dich lehren Hühner fressen. »

Hiermit erwischte der Bauer einen Prügel und segnete damit der Frau das Essen, und zu jedem Schlag sagte er: «He, willst du noch mehr Hühner fressen? Willst du noch mehr Hühner fressen? »

Die Frau hingegen dankte ihm mit solchen Worten, welche der jetzigen Welt-Manier nach solche Weiber im Munde führen: Denn sie hieß ihn einen Mörder, einen Galgenvogel, Bettelhund, Läuseknicker, Hurenhengst, Schnudelbutzen, eine Knupf-Nase, Saurüssel, einen Bärenhäuter, Teufels-Braten, Mordbrenner, Krücken-Reiter, Sau-Magen, Lumpen-Hund, und was ihr mehr dergleichen Ehren-Titel einfielen.

Nachdem ich dieses eine Weile mit ziemlicher Lust angesehen hatte, so besorgte ich mich, es möchte die Reihe auch noch einmal an mich kommen, ging deswegen weiter und ließ die beiden Leute hadern, so lange sie wollten.


 

 

Die 3. Klasse

Erzählt die Umstände, auf welche Weise dieser Hund seinen ersten Herrn bekommen.

Wiewohl ich nun auf meiner ersten Fourage übel angekommen bin, so zwang mich doch der Hunger, es noch einmal zu wagen.

Ich ging deshalb in ein anderes Bauern-Haus, allwo die Bäuerin gerade erst gebacken und das Brot noch im Hause stehen hatte.

Ich hätte gerne eines davon angepackt, ich konnte es aber, weil es zu groß war, im Maule nicht fortbringen.

Daher nahm ich es zwischen meine vorderen Beine, richtete mich auf und ging so ehrbar (weil es schwer war) und prächtig damit zur Haus-Tür hinaus, als ob ich ein geborener Spanier gewesen wäre.

Und zu allem Glück reiste eben ein Edelmann diese Straße vorbei, dessen Diener erblickte mich.

Als er nun meines possierlichen Gangs gewahr wurde, hub er überlaut zu lachen an, daß der Edelmann bewogen wurde, sich auch umzuschauen und den Knecht zu befragen, was er Wunderliches vorhätte, daß er sich so zieren täte.

Der Knecht konnte aber vor Lachen nichts antworten, zeigte aber gleichwohl mit den Fingern auf mich, daß sein Junker meiner gewahr wurde und mit Lachen Gesellschaft leistete.

«Jörg», sagte der Junker, «wenn du mir den possierlichen Hund zuwegebringen kannst, so gebe ich dir einen Taler Trink-Geld. »

Ich spitzte die Ohren ziemlich und dachte, das möchte wohl ein Herr für mich sein; zum wenigsten hätte ich so doch mein gewisses Essen und dürfte mich vor einigen Prügel-Suppen nicht so fürchten, als wenn ich die Bauern bestehlen müßte.

Als nun Jörg abgestiegen war und mich zu sich lockte, ging ich denn gravitätisch mit meinem Brot auf den Junker zu und reichte ihm das Brot mit solchen Gebärden, als ob ich hätte sagen wollen, er solle es von mir nehmen.

«Jörg, » sagte der Junker, «der arme Schelm ist gewiß hungrig, schneide ihm doch ein Stück Brot davon ab und gib's ihm. »

Jörg nahm das Brot von mir, schnitt ein gutes Stück davon ab und gab mir's.

Ich nahm es zwischen meine vorderen Füße, setzte mich auf die hinteren Beine und aß mit solchem Appetit, daß mein neuer Junker darüber heftig lachte, als ob er hätte zerspringen mögen.

Da ich ein wenig gefüttert war, ritt mein Junker wieder fort.

Jörg aber lockte mich, welches er nicht nötig hatte, weil ich ohnedies gerne mitlief.

 

Gegen Abend kamen wir auf des Junkers Schloß.

Als ich nun meinem neuen Herrn nachtrat, und wir in die Stube kamen, waren zwei Windhunde darin, die wischten unversehens über mich her und zausten mir das Fell ziemlich ab; hätten mich auch wohl gar erwürgt, wenn nicht mein Junker mit der Karbatsche zwischen uns Friede gemacht hätte.

Da erfuhr ich alsdann mit Schaden, wie es zu Hofe herzugehen pflegt, daß nämlich die alten Diener sich gemeiniglich bemühen, die neuen bald wieder auszubeißen, aus Sorge, sie möchten ihnen die Schuh' austreten.

Allein diesen Abend wurde nicht viel Wesens gemacht; mein Junker speiste ganz hurtig ab und verfügte sich zu Bette.

Ich bekam ein ziemliches Stück Fleisch und eingetunktes Brot zu essen, welches mir über alle Maßen wohl schmeckte.

Als der Junker schlafen war, jagte Jörg die andern Hunde aus der Stube und ließ mir dieselbige allein. Ich machte mein Logement und meine Lagerstatt unter dem Tisch; Jörg setzte sich hinter den Ofen.

 

Etwa eine halbe Stunde danach, nachdem mein Junker schlafen gegangen war und die anderen Diener sich auch in die Federn versteckt hatten, kam ein Frauen-Mensch in die Stube und brachte einen großen Krug Bier nebst einer Flasche mit Wein.

Jörg setzte sich mit ihr an den Tisch, und aß und trank mit ihr.

Kaum aber hatten sie zu essen angefangen, da kam noch eine andere, die brachte ein Stück Wildbret nebst einer Pastete; und diese war, wie ich hernach erfahren habe, die Köchin, jene aber die Schließerin.

Diese drei setzten sich zusammen, aßen und tranken, und löffelten eine ziemliche Zeit mit größter Herzens-Lust miteinander einiges herab, also daß ich mich verwunderte, wie sich die beiden Jungfern (es ist mit Gunst, daß ich sie so nenne) mit einem einzigen Kerl ohne Eifer so wohl behelfen konnten.

Der Durst trieb mich dahin, daß ich länger unter meinem Tisch nicht liegen konnte, darum stand ich auf und wartete unserem Jörg auf, der denn den Jungfern erzählte, in was für einem possierlichen Aufzug sie mich bekommen haben, worüber sie denn ziemlich lachten.

Als ich sah, daß ihnen das Ding wohlgefiel, stellte ich mich wieder auf die hinteren Beine, ging die Stube auf und ab; endlich fand ich einen Teller, den nahm ich und brachte ihn dem Jörg, welcher mir ein Stück Fleisch darauf legte, das ich alsbald verzehrte.

Indem mich aber der Durst noch mehr plagte, und ich sah, daß Jörg den Becher mit Wein auf die Bank gesetzt hatte, ging ich zu demselben, nahm ihn und goß ihn mit herzlicher Lust in meinen Magen; wiewohl ich wegen Ungeschicklichkeit meines Mauls ziemlich viel daneben goß.

Über dieses mein possierliches Wein-Saufen lachten die beiden Menschen so heftig, daß sie Jörg um Gottes Willen bat, sie wollten sich doch ein wenig mäßigen, damit es nicht die gestrenge Frau oder der Junker hören möchte.

Als ich mich satt gesoffen hatte, legte ich mich wieder unter den Tisch und betrachtete, wie schändlich doch die Gesinde ihre Herrschaften bestehlen und sich davon lustig machen.

In welchen Gedanken ich endlich wieder einschlief und also nicht wissen kann, was Jörg mit seinen beiden Jungfern ferner gemacht hat oder wann sie schlafen gegangen sind.


 

Die 4. Klasse

Beschreibt des Hundes Künste und wie er von seinem Herrn der Spanier genannt wurde.

Des andern Tages kamen etliche Krippen-Reiter, die mein Herr trefflich gastierte.

Unter währender Mahlzeit erzählte er ihnen, wie er mich bekommen hatte.

Nach geendigter Erzählung sagte er zu seinem Knecht: «Höre, Jörg, versuche doch, was unser neuer Hund für Künste kann. »

Der Knecht antwortete: « Gestrenger Junker, was geben wir ihm denn für einen Namen? »

«Du kannst ihn den Spanier nennen, weil er so spanisch gehen kann. »

Dieses war also mein erster Name, seitdem ich ein Hund war.

Hierauf fing Jörg sein Exerzitium und Possen-Spiel mit mir zu machen an.

«Mein Spanier», sagte er, «es ist nicht gut zu arbeiten, wenn man nicht vorher gefrühstückt hat; darum, weil ich weiß, daß du noch nüchtern bist, so nimm hier diesen Teller und laß dir vom Junker ein Stück Fleisch geben. »

Darauf nahm ich den Teller in das Maul und brachte ihn dem Junker, derselbe wollte den Teller mir abnehmen, ich aber drehte mich um und schüttelte mit meinem Kopf, worüber alle Anwesenden lachten. Ja, etliche schworen sogar, der Hund hätte Menschen-Verstand; und obwohl sie nicht falsch schworen, so war mir doch solches liederliche Schwören so zuwider, daß ich solche liederlichen Schwörer (meine Hunds-Person vor Eifer ganz vergessend) davon abmahnen wollte; weil ich wußte, daß sie das, was sie beschworen, doch selbst nicht glaubten.

Es wollten sich aber keine verständlichen Worte von mir hören lassen, wohl aber brach mir statt eines Hunde-Gebells dieses Wort ›Abraham, Abraham‹, oder so ähnlich heraus. Weil aber in der Kompanie einer war, der Abraham hieß, so verursachte mein Gebell abermals ein großes Gelächter.

Mein Junker sagte: «Junker Abraham, Ihr müßt meinen Spanier vormals schon gekannt haben, weil er Euren Namen so schön aussprechen kann. »

«Ei wohl», antwortete Junker Abraham, «das ist ein ganz seltsamer Hund, und ich weiß nicht, wie er mir vorkommt. »

Mein Herr sagte: «Komm Spanier, belle noch einmal»; worauf ich wiederum zu bellen anfing «Abraham, Abraham». Welches abermals ein ziemliches Gelächter verursachte.

Junker Abraham wurde darüber ganz rot, und so habe ich gänzlich geglaubt, daß er durch mein Bellen bewegt worden sei, keinen Fluch mehr von sich hören zu lassen.

Hierauf gab mir mein Herr ein Stück Fleisch auf meinen Teller und sagte: «Geh, mein Spanier, friß erstlich, hernach mach dich fein lustig. »

Ich nahm mein Stück Fleisch und aß es in eben solcher Positur, als ich den vorigen Tag das Stück Brot gegessen hatte.

Da ich fertig war, sagte der Knecht: « Hast du nun gegessen, mein Spanier, so mußt du auch trinken. » Er nahm hiermit einen Becher Wein und sagte zu mir: «Es gilt, Spanier, in Gesundheit unserer Käse-Mutter. »

Ich aber schüttelte den Kopf und kroch unter den Tisch.

«Komm, komm», sagte der Knecht. «Es gilt in Gesundheit des türkischen Kaisers. »

Ich aber blieb unter dem Tisch liegen.

«In Gesundheit deines gestrengen Junkers», fuhr der Knecht fort.

Auf dieses kam ich hervor, stellte mich auf die hinteren Beine und machte eine artige Reverenz mit Ausstreichung des rechten Fußes.

Der Knecht trank den Becher Wein aus und schenkte ihn wieder voll ein.

Der Junker aber fragte den Knecht:«Jörg, für wen soll dieser Wein sein?

«Für den Hund», antwortete der Knecht.

Der Junker sprach: «Wo hast du deinen Lebtag gehört, daß die Hunde Wein saufen, denn er ist ihnen von Natur zuwider? »

«Da lassen Euer Gestreng mich vorsorgen. » Jörg nahm den Becher und gab ihn mir, welchen ich mit meinen vorderen Beinen nahm und so gut, als es mir möglich war, in den Hals hinein goß; worüber sich alle Edelleute höchstens verwunderten.

Hierauf kam einer mit einem Hackbrett, und zwei mit Geigen in die Stube; da sagte Jörg zu mir: »Spanier, kannst du auch tanzen?«

Ich aber legte mich nieder und streckte alle viere von mir.

«Halt», sagte mein Knecht, « der Spanier wird gewiß die Komödie von der faulen Magd agieren wollen. »

»Holla, Magd«, sagte er, »steh auf, es ist schon drei Uhr. Hörst du nicht, du sollst die Kühe melken? Der Hirte wird bald blasen.«

Ich hob den Steiß in die Höhe, dehnte und drehte mich um, blieb aber doch unbeweglich wieder liegen; worüber abermals die Kompanie zu lachen anfing.

»Magd«, schrie Jörg ferner, »steh auf, der Hirte bläst; du faule Mähre, willst du denn nicht aufstehen?«

Ich aber machte es eben wieder so wie vorher.

»Hörst du, Magd«, fuhr Jörg fort, »steh auf, die Freier kommen und bringen Spiel-Leute mit. Hörst du nicht, wie sie aufspielen? Komm geschwind, laß uns tanzen.«

Hierauf sprang ich jählings auf, tanzte mit meinem Jörg herum und machte nach dem Tanz, den die Spiel-Leute geigten, so krumme Sprünge, daß die Zuschauer Maul und Nasen aufsperrten und nicht wenig darüber lachten.

 

Nach vollbrachtem Tanz bekam ich wieder ein Stück Fleisch, das ich mit Lust verzehrte.

Als ich in aller Andacht saß und aß, fing ein Edelmann an und sagte: »Dieser Hund muß einen guten Lehrmeister gehabt haben, weil er so treffliche Künste kann.«

«Zweifelsohne», sagte ein anderer, »und vielleicht mag derselbe wohl mehr Fleiß und Mühe angewendet haben, diesen Hund abzurichten, als mancher Präzeptor, seine anvertraute Jugend in freien Künsten und guten Sitten zu informieren. Es ist wahrlich zu beklagen, daß solche Kerls manchmal so nachlässig sind und öfters ihr Brot mit Sünden fressen und das Gold den Leuten abstehlen. Mein Herr Vetter hat seinem Sohn schon fünf Jahre einen Präzeptor gehalten, es bleibt aber derselbe allezeit ein Hans und kann mit Mühe und Arbeit Adjektivum und Substantivum zusammensetzen.«

 

Mein Junker hätte gerne weiterdiskutiert, aber die Edelleute hörten nicht gerne von solcher Materie reden, sondern riefen den Spiel-Leuten zu, sie sollten eins aufspielen; welches auch geschah.

Sie aber fingen an zu saufen, und nachdem der Wein zu operieren anfing, so fingen sie auch an zu zanken, zu schreien, zu poltern und zu fluchen, daß sich hätte der Himmel auftun mögen; bis sich endlich ihrer zwei bei den Haaren kriegten und die Gläser einander in die Augen stießen.

Mein Herr wollte Schiedsmann sein, bekam aber auch etliche Stöße davon.

Ich aber mochte diese Unhöflichkeit nicht ungerächt lassen, biß deswegen demjenigen, welcher meinen Herrn geschlagen hatte, ziemlich in das Bein, dessen Diener aber ergriff die Karbatsche und gab mir etliche Streiche damit über den Rücken, daß ich mich eilends unter den Bei-Tisch retirieren mußte.

Wiewohl es mich heftig verdroß, daß meine Tugend und guten Dienste so häßlich bestraft wurden, da man hingegen die Laster zu belohnen pflegt, so mußte ich doch zufrieden sein.

Dieser Tumult währte wohl eine halbe Stunde, und es war endlich keiner mehr neutral, weil die Neutralisten fast die meisten Schläge davontragen mußten. Es war noch gut, daß mein Herr am Anfang dieser Schlägerei die Säbel sogleich in die Stuben-Kammer geworfen hatte; sonst hätte diese Gasterei ein Blut-Bad werden mögen.

Die stärkste Partei warf endlich etliche zur Tür hinaus, und weil sie noch nicht satt waren, gar die Treppe hinunter.

Diese gingen in das Dorf ins Wirts-Haus und schickten einen Diener, dem doch der Säbel von meines Junkers Diener auch genommen war, ins Schloß, ließen meinen Junker bitten, er wolle ihnen doch ihr Gewehr und ihre Pferde folgen lassen; welches mein Junker auch geschehen ließ. Jedoch, nachdem das Gewehr und die Pferde hinaus waren, ließ er die Brücke vor dem Schloß aufziehen.

Als die Edelleute in dem Wirts-Haus ihre Gewehre und Pferde bekommen hatten, kamen sie wieder vor das Schloß geritten und forderten die anderen, die noch im Schlosse waren, mit vielen Schelt-Worten heraus.

Mein Junker aber ließ sie durch unsern Jörg bitten, sie wollten sich doch zur Ruhe begeben, und sofern sie beim einen oder andern was zu suchen hätten, sollten sie es am nüchternen Morgen tun. Würden sie ihm dieses zu Willen tun, so wolle er sie als Gäste traktieren, würden sie aber nicht nachlassen, sondern in ihrer Raserei fortfahren, wolle er entschuldigt sein, wenn der eine oder andere etwas schändlich zu kurz kommen möchte.

Durch diese Worte wurden sie endlich besänftigt, daß sie wieder in das Wirts-Haus ritten und die Pferde allda einstellten, kamen aber alsbald zu Fuß wieder vor das Schloß, baten meinen Junker mit größtem Versprechen, daß, wenn er sie würde hineinlassen, sie Friede halten und keine Unruhe anfangen wollten, sofern nur die andere Partei auch stillsitzen würde. Sollten selbige aber nicht Friede halten, so baten sie, mein Junker wolle selbige Partei auch aus dem Schlosse schaffen.

Hierauf handelte mein Herr mit denen im Schloß so weit, daß sie diesen Tag der Händel nicht mehr zu gedenken versprachen. Worauf er sich, begleitet von sechs Dienern (worunter ich mich mitzählte), aus dem Schlosse zur anderen Partei begab, und mit dieser Partei auch Friede oder vielmehr einen Stillstand auf vierzehn Stunden lang machte. Gleich darauf gingen sie alle wieder in das Schloß, die Pferde wurden auch wieder geholt.

          

 
 

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                Als sie sich nun wieder niedergesetzt hatten, fragte mein Herr nach der Ursache dieses entstandenen Tumults; da kam es heraus, daß sie sich einer Lüge halber geschlagen hatten. Denn der Junker Vladislaus hatte erzählt, wie er einmal einen Karpfen auf einem Baum geschossen habe, und das hatte Junker Michael nicht glauben wollen.

Junker Vladislaus wollte gleichwohl nicht dafür angesehen sein, als ob er gelogen hätte, forderte deswegen seinen Knecht und sagte: »Du, Hanenko, ist's nicht wahr, daß ich den Karpfen von dem Baum heruntergeschossen habe?«

«Ja, freilich», sagte Hanenko, « es ist wahr. Denn als wir vor einem Jahr auf unsere Wiesen gingen, saß ein Raub-Vogel auf einem Baum und hatte einen Karpfen in seinen Klauen. Als nun der Junker solchen sah, schlich er hinzu und schoß nach dem Vogel, traf aber den Karpfen; wovon der Vogel erschrocken und davongeflogen ist und den Karpfen fallen lassen hat. »

Solches aber wollte Junker Michael doch noch nicht glauben, sondern fragte immer weiter, was es denn für ein Vogel gewesen sei? Woher er den Karpfen bekommen habe? Und wie groß der Karpfen eigentlich gewesen sei? Und was dergleichen mehr; also daß ich gänzlich geglaubt hätte, es hätte wieder Ohrfeigen geregnet, sofern sie mein Herr nicht ihres Versprechens nachdrücklich erinnert hätte.

Weil sie aber das Stochern nicht sein ließen, also befahl mein Junker dem Jörg, er solle doch versuchen, was ich (als der Spanier) für saubere Künste mehr könnte; damit nur die Kompanie ihres unfriedlichen Schwätzens ein Ende machen möchte.

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Letzte Aktualisierung:  12.12.2007

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